Musikwoche vom 30.07.2022

Michow beklagt fehlende Dialogbereitschaft der Politik

Eigentlich sollte es um die Lage der Livebranche im Sommer 2022 gehen. Hier befinde man sich abseits gut besuchter Großevents in einer "wirklich dramatischen Situation, vor allem, weil die Hallen bei den meisten Konzerten derzeit halb leer sind", sagte der der bdkv-Präsident Jens Michow in der "Tagesschau".
Das liege einerseits an den Ängsten der Menschen, sich womöglich zu infizieren, aber auch an den Sorgen vor finanziellen Folgen von Krieg und Inflation: "Das erste, woran gespart wird, sind die Ausgaben im Freizeitbereich", weiß Jens Michow. Sollte es im Herbst angesichts der Corona-Lage erneut Einschränkungen geben, sehe er für die meisten Veranstalter keine Chance mehr, überhaupt noch einmal auf die Beine zu kommen.
Hinzu komme, dass die Eintrittskarten für viele der aktuell laufenden Konzerte bereits 2019 zu den damals kalkulierten Preisen verkauft worden seien - "und jeder weiß, was wir in den vergangenen beiden Jahren für Kostensteigerungen gehabt haben
Doch Jens Michow nutzte das Gespräch auch, um ein Problem herauszustreichen, das die gesamte Branche betrifft, und mahnte die mangelnde Dialogbereitschaft der Politik mit den Akteur:innen der Musikwirtschaft an: "Die Regierung ist derzeit überhaupt nicht bereit darüber zu verhandeln", betonte Michow auf die Frage nach eventuell erneut nötigen Fördermaßnahmen. "Alle Bereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft stellen derzeit fest, dass die Politik ganz offenbar mit Verbänden nicht mehr reden will."
Das betreffe die Foren der Kultur- und Kreativwirtschaft ebenso wie die der Veranstalterwirtschaft oder der Musikwirtschaft: "Die Politik macht noch nicht einmal ihr Versprechen aus dem Koalitionsvertrag wahr, für die Kultur- und Kreativwirtschaft einen Ansprechpartner zu installieren", klagte der bdkv-Präsident.
Michows Fazit: "Wir sind außerordentlich entsetzt darüber, dass sich hier nicht irgendwann einmal jemand mit uns an einen Tisch setzt und redet."


Text: Knut Schlinger

Musikwoche 28.05.2022
Auszüge aus dem Gespräch mit der Musikwoche

Jens Michow:

"Der Branche bläst noch ein recht kalter Wind entgegen"

Mir macht Sorge, dass der Kartenverkauf bei vielen Veranstaltungen äußerst schleppend läuft. Natürlich lassen sich Events mit den Mega-Stars des internationalen Music Business immer noch ausverkaufen. Bei Konzerten und sonstigen Veranstaltungen kleinerer bis mittlerer Größenordnung stockt der Verkauf jedoch häufig schon bei der Hälfte des verkaufbaren Kartenkontingents. Das hat sicher mehrere Gründe: Einige Menschen haben nach wie vor die Sorge, sich anzustecken. Andere warten zunächst ab, ob Veranstaltungen überhaupt wieder zuverlässig stattfinden. Da ist es natürlich äußerst kontraproduktiv, wenn unser Gesundheitsminister sich veranlasst sieht, jetzt schon vor einer möglichen "Killervariante" im Herbst zu warnen. Bei einigen Menschen hat sich während der Krise aber auch das Freizeitverhalten grundsätzlich geändert. Und dann haben wir noch ein ganz neues Problem: Aufgrund der steigenden Inflation und der sich aus dem Verlauf des Kriegs in der Ukraine ergebenden Ungewissheiten halten die Menschen ihr Geld zusammen. Leider wirkt sich das zu allererst auf Freizeitaktivitäten wie Veranstaltungsbesuche aus. Trotz der Freude, dass ein Neustart endlich möglich ist, bläst der Branche daher noch ein recht kalter Wind entgegen. Der "Heißhunger" auf die so lange entbehrten Live-Erlebnisse ist bisher also noch nicht feststellbar.

Und dann gibt es noch das große Problem, dass so viele Soloselbstständige während der Pandemie in andere Branchen abgewandert und dort zumeist in eine sichere Festanstellung gewechselt sind. Der Personalmangel in der Branche ist dramatisch. Es fehlen Fachkräfte, die man nicht einfach so ersetzen kann. Selbst Hands, also Aufbauhelfer bei Konzerten, sind derzeit nicht in ausreichender Zahl zu finden. Zudem fallen nach wie vor viele kurzfristig aufgrund einer Corona-Infektion aus. Auch hier reden wir ja nicht von Arbeitskräften, die einfach so austauschbar sind. Es handelt sich um Personen, die bei den Unternehmen, für die sie arbeiten, genau wissen, was sie wann wo zu tun haben.

Viele Veranstalter gehen angesichts der Vielzahl der aktuellen Schwierigkeiten davon aus, dass die Normalität, wie wir sie bis Ende 2019 kannten, frühestens in der zweiten Hälfte 2024 wieder erreicht werden wird - und das natürlich auch nur, sofern das Virus nicht nochmal an Fahrt aufnimmt.








Musikwoche 02.04.2022

Europäischer Gerichtshof lässt nur bedingte Kaufpreiserstattung bei Tickets zu

Nach einer Klage einer Ticketkäuferin gegen CTS Eventim, die vom Amtsgericht Bremen an den Europäischen Gerichtshof (EuGH) ging, entschied das EU-Gericht nun, dass ein Verbraucher damit rechnen müsse, dass er den Kaufvertrag nicht widerrufen könne. In dem konkreten Fall wollte die Klägerin, die ein Ticket für die zunächst aus Krankheitsgründen, dann wegen Corona abgesagte Peter-Maffay-Tour im Frühjahr 2020 gekauft hatte, sich nicht damit zufriedengeben, dass sie anstelle einer Rückerstattung des Ticketpreises nur einen Gutschein erhalten hat.
In dem Prozess ging es darum, dass die Frau mit der Begründung, dass sie den Kaufvertrag widerrufen könne, ihr Geld zurückhaben wollte. Weil europäisches Recht betroffen war, gab das Amtsgericht Bremen das Verfahren schließlich an den EuGH. Dieser hat nun geurteilt: Wenn ein Verbraucher ein Ticket bei einem Vermittler wie CTS Eventim online kaufe, könne er es nicht innerhalb von 14 Tagen zurückgeben und sich dafür den Kaufpreis zurückerstatten lassen.
n einem Urteil vom 31. März 2022 heißt es nun, dass ein Widerrufsrecht für den Verbraucher nur bedingt gelte. Wenn Veranstalter wirtschaftliche Verluste riskieren, gelte es nicht. Zwar stehen Käufern laut einer EU-Richtlinie bei sogenannten Fernabsatzverträgen über das Internet, SMS oder Telefon ein zweiwöchiges Widerrufsrecht zu, allerdings gibt es eine Ausnahme, wenn es sich dabei um Freizeitbetätigungen zu einem bestimmten Termin handele. Mit dieser Regelung will der Gesetzgeber das Risiko für Veranstalter von Kultur-Events reduzieren. Denn wenn Käufer ihr Widerrufsrecht umsetzen, bestehe für Veranstalter die Gefahr, dass sie die Plätze nicht mehr anderweitig vergeben können.
Das Amtsgericht Bremen hatte den EuGH gefragt, ob die Ausnahme vom Widerrufsrecht auch auf Zwischeninstanzen wie etwa CTS Eventim zutrifft, was das EuGH nun bestätigt hat. Laut EuGH liege das wirtschaftliche Risiko immer beim Konzertveranstalter, nicht beim Ticketingunternehmen, wobei das Widerrufsrecht auch dann nicht bestehe, wenn man das Ticket direkt beim Veranstalter erworben habe. Denn Veranstalter würden weiterhin Verluste riskieren, auch wenn ein Ticketingunternehmen zwischengeschaltet sei.
Entsprechend sei es zulässig, dass CTS Eventim einen Gutschein ausstelle statt Geld zurückerstatte. Für die konkrete Klage der Frau ist nun aber wieder das Amtsgericht Bremen zuständig. Auch wies der EuGH darauf hin, dass seit Anfang 2022 eine neue Regelung bei den Konzertgutscheinen gelte. Wer seinen Gutschein nicht eingelöst hat, kann diesen nun zurückgeben und sich den Kaufpreis zurückerstatten lassen.

Musikwoche 20.01.2022 (Auszüge)

Festivals sind optimistisch für 2022

Gleich zwei Panels beschäftigten sich am ersten Eurosonic-Tag, dem 19. Januar 2022, mit der Perspektive für Festivals im Jahr 2022 und darüber hinaus. Es herrscht Zuversicht, dass die Open Airs stattfinden können. Zunächst aber blickte Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer FKP Scorpio, in der von ILMC-Chef Greg Parmley moderierten Runde "Festival Season 2022" jedoch auf die vergangenen zwei Corona-Jahre zurück, die für FKP Scorpio wie für die gesamte Livebranche ein "Albtraum" gewesen seinen.
"Wir sind zwar noch nicht am Ende der Pandemie und für Events in den nächsten zwei oder drei Monaten bin ich skeptisch, aber für die Festivalsaison und unsere großen Open-Air-Shows von Ed Sheeran bin ich optimistisch. Die Ticketverkäufe für Konzerte, die später im Jahr anstehen, verliefen okay, aber nicht auf dem Level wie vor der Pandemie, wobei vor allem die Shows von großen Namen sich gut verkaufen", so Thanscheidt in dem digitalen Panel. Auch habe man in der Branche, aber auch in der Gesellschaft noch Probleme zu lösen, wie man wieder zur Normalität zurückkehren könne. Darüber hinaus habe FKP Scorpio die Zeit genutzt, um an neuen Live-Formaten zu arbeiten und Umstellungen im eigenen Unternehmen vorzunehmen.
Eine positive Erfahrung der vergangenen zwei Jahre sei für Thanscheidt auch die "überwältigende Solidarität" in der Branche gewesen. Man habe gemeinsam an den Herausforderungen gearbeitet. Dazu gehöre jetzt etwa auch, Mitarbeiter, Dienstleister und Crews, die zum Teil den Livesektor verlassen hätten, zu ersetzen. Deren Fehlen mache sich jetzt schon bei den Planungen für den Festivalsommer 2022 bemerkbar. Zudem beklagt der FKP-Scorpio-Chef die "dramatische Kostensteigerung", zum Teil bedingt durch die nötig gewordenen Hygienemaßnahmen. Auch die Sponsoren verhielten sich noch abwartend, sie wollten erst einmal Gewissheit haben, dass die Festivals 2022 wirklich stattfinden können
Da die meisten der für 2022 verkauften Tickets bereits 2019 kalkuliert worden seien, reichten diese nicht aus, um die Mehrkosten aufzufangen. Erst für 2023 könne man die Preise neu ausrichten. Dennoch bleibt Thanscheidt zuversichtlich: "Deutschland war eines der vorsichtigsten Länder im Umgang mit der Pandemie und den Restriktionen. Nun brauchen wir Planungssicherheit und Öffnungsperspektiven. Aber wenn alles gut geht, bin ich sehr positiv gestimmt, trotz all der Herausforderungen."
Dem schloss sich der Schweizer Festivalveranstalter Christof Huber, zugleich Chairman des Festivalverbands Yourope, an. "Die Politik war im vergangenen Sommer, wo mehr hätte stattfinden können, als dann wirklich stattfinden durfte, noch nicht bereit. Nun ist das anders. Die Regierungen verhalten sich jetzt anders als 2021." Auch Impfpässe würden eine Rolle spielen, auch wenn er sich nicht sicher sei, ob man sie im Sommer 2022 wirklich noch brauche. Zugleich betonte er, dass die Impfquote in den deutschsprachigen Ländern zu gering sei.
Ein wichtiges Anliegen sei ihm, das Vertrauen der Fans zurückzugewinnen. "Wir selber als Branche müssen diese Zuversicht auch nach außen ausstrahlen. Als Ende 2021 die neue Omikron-Variante auftauchte, haben viele Festivals ihre Marketingausgaben für 2022 zurückgefahren, aber nun ist es ist es unsere Aufgaben, die Trommel zu rühren für unsere Veranstaltungen", so Huber weiter. Wie Thanscheidt forderte er von der Politik "eine frühe Entscheidung für den Festivalsommer.
Huber verwies auch darauf, dass die Sportbranche eine bessere Lobbyarbeit geleistet habe und erinnerte an die Fußball-EM 2021 mit vollen Stadien. Nun arbeitete man stärker mit dem Sportbereich zusammen, führte Huber aus, um gemeinsam mehr zu erreichen.
Aus britischer Sicht fügte Paul Reed von Indie-Festivalorganisation AIF mit, dass das Vertrauen des Publikums noch nicht vollständig zurückgekehrt sei. Auch sehe er für 2022 einen heftigen Wettbewerb, da es mehr Veranstaltungen geben werde als jemals zuvor. "Und auch wenn keiner gern darüber spricht, auch die Inflation wird ein großes Problem - für die Branche wie auch die Fans."
Im Anschluss an die Festivalrunde ging es auch in einem zweiten Panel um dasselbe Thema. Bei "Future-Fit Festivals" stellte Holger Jan Schmidt, General Manager Yourope, das neue, gleichnamige EU-Förderprogramm vor, "Future-Fit Festivals" orientiere sich an den Rs, wie Schmidt ausführte: Resilience (Widerstandsfähigkeit), Responsibility (Verantwortung) und Relevance (Relevanz). Das Programm habe eine Laufzeit von drei Jahren und sei nicht nur für Yourope-Mitglieder gedacht, sondern die gesamte Livebranche. Denn es soll der in den Jahren 2020 und 2021 stark getroffenen Branche wieder auf die Beine helfen.
"Es liegen schwere Zeiten hinter, aber auch vor uns", erläuterte Schmidt und verwies auf die drängenden Themen Klimawandel, Sicherheit, Nachhaltigkeit, Inklusion und Diversität. Nur wenn es gelinge, in den Bereichen voran zu kommen, habe die Livebranche eine Zukunft. Wenn es den Festivals nicht gelänge klarzumachen, dass sie für eine umweltfreundliche und klimaneutrale Zukunft stünden, würden sie das junge Publikum verlieren, das auf genau diese Dinge viel sensibler achte als frühere Generationen.


Musikwoche 14.02.2022

Semmelmann und Kokemüller fordern Perspektive

Kurzfristig brauche die Livebranche "spätestens ab Februar unbedingt eine Perspektive", sagt Dieter Semmelmann, Geschäftsführer Semmel Concerts, im Gespräch mit der Münchner "Abendzeitung" ("AZ"). "Die politischen Aussagen von heute sind morgen schon Makulatur. Eine schlimmere Negativwerbung wie aktuell können wir nicht bekommen. Das ist frustrierend und macht mürbe. Geld zu verdienen, ist seit zwei Jahren fast nicht mehr möglich."
Dem pflichtet sein Kollege Ralf Kokemüller, Geschäftsführer Mehr-BB Entertainment im selben Interview bei: "Auch die jüngste Bund-Länder-Konferenz hat wieder keine Klarheit gegeben, weil die Beschlüsse nur auf 14 Tage gefasst worden sind und man weiterhin auf Sicht fährt." Bei Veranstaltungsabsagen übernehme der Bund zwar einen Großteil der ausgefallenen Kosten, "doch unter dem Strich bleiben zehn Prozent als Verlust bei uns selbst hängen", so Kokemüller weiter.
Der Musical-Produzent klagt auch, dass es bis 2020 noch möglich gewesen sei, Musical-Produktionen gegen pandemiebedingte Absagen zu versichern - was Mehr-BB Entertainment etwa bei "Bodyguard" vor Schäden in Millionen-Höhe bewahrt habe. Inzwischen biete jedoch kein Versicherer mehr solche Policen an.
Mehr-BB Enertainment hat zwar im Herbst 2021 den Livebetrieb teils wieder aufgenommen, aber ob der "mutige 'Restart' auch belohnt wird, muss sich in der Summe noch zeigen", räumt Kokemüller ein. So habe man in Frankfurt das fünftägige Gastspiel des Musicals "Berlin Berlin" wegen positiver Corona-Tests im Ensemble absagen müssen. Zudem sei das Weihnachtsgeschäft um rund ein Drittel eingebrochen. "Unsere besondere Herausforderung ist nun einmal, dass die großen Tourneen und Produktionen Vorlaufzeiten von ein bis zwei Jahren haben", weiß Kokemüller.
Auch würden die notwendigen Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen höhere Ausgaben mit sich. die samt der "ohnehin gestiegenen Material- und Personalkosten" die Gesamtkosten bis zu 30 Prozent in die Höhe getrieben haben", so Kokemüller. Das habe zur Folge, dass mittelfristig die Ticketpreise werden steigen müssten.
Semmelmann fordert in der "AZ": "Es kann nicht sein, dass wir nach zwei Jahren Pandemie nach wie vor Tourneen absagen müssen und keiner unserer angebotenen Lösungsvorschläge angenommen wird. Kultur ist systemrelevant und braucht eine klare und planbare Zukunft!"
Und Kokemüller fügt an: "Denn selbst wenn sich im Laufe dieses Jahres das Thema Corona erledigt haben sollte, wird es noch mindestens zwei bis drei Jahre dauern, bis wir wieder ein Vor-Corona-Niveau erreicht haben."



Musikwoche 12.01.2022

 

ifo sieht zwei Drittel der Betriebe im Veranstaltungsbereich bedroht

14 Prozent der deutschen Unternehmen sehen sich durch die Folgen der Pandemie in ihrer Existenz bedroht, wie aus einer Umfrage des ifo Instituts hervorgeht.
Doch laut Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen, fühlen sich Unternehmen aus der Veranstaltungswirtschaft mit 67,4 Prozent dabei "immer noch besonders gefährdet", und folgen an zweiter Stelle nach den Reisebüros und -veranstaltern mit 73,2 Prozent.
Im Einzelhandel sprachen im Dezember 17,1 Prozent der Unternehmen von einer existenzbedrohenden Situation, während es im Juni noch 14,4 Prozent waren, was laut Wohlrabe mit den "Folgen der Zurückhaltung der Verbraucher" zusammenhänge.
Nach Anteilen der verschiedenen Wirtschaftszweige in Deutschland stufen sich insgesamt im Diensleistungssektor mit 20,4 Prozent die meisten Betriebe als gefährdet ein, während es etwa im verarbeitenden Gewerbe nur 5,7 Prozent oder im Großhandel 7,8 Prozent sind.




Musikwoche 12.01.2022

 

Gutscheinregelung bereitet Veranstalter:innen zusätzliche Sorgen


Seit dem 1. Januar können sich Ticketkäufer:innen ihre Gutscheine auszahlen lassen, die sie als Ausgleich für ausgefallene Veranstaltungen erhielten. Aber nicht nur das bereitet vielen Kulturveranstalter:innen derzeit Sorge.
Auch dass viele Konzerte derzeit erneut verschoben oder sogar komplett abgesagt werden müssen, fordert die Veranstalter:innen heraus. Deshalb fordern sie von der Politik mehr Planungssicherheit durch bundesweit einheitliche Regelungen.
So erklärte etwa Burkhard Glashoff, Geschäftsführer Konzertdirektion Rudolf Goette, im NDR: "Ein Aufschwung der Konzertbranche scheint durch die rasche Verbreitung der Omikron-Variante und die unvorhersehbare und uneinheitliche Reaktion der Politik darauf in weite Ferne gerückt. Wir hangeln uns bei unseren Konzerten zurzeit von Woche zu Woche, ohne zu wissen, was wir unter welchen Bedingungen veranstalten dürfen."
Laut Frehn Hawel, Pressesprecher Karsten Jahnke Konzertdirektion, drohe jetzt schon die Situation, dass Veranstaltungen auch langfristig nur noch während der Sommermonate erlebt werden könnten. Deshalb fordert er eine Verlängerung der staatlichen Sonderfonds. Im "Hamburg Journal" vom NDR wandte er sich zudem mit einem Appell an alle Ticketkäufer:innen.
Auch Jens Michow, Präsident Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), appellierte an die Karteninhaber:innen, zu prüfen, ob es möglich ist, auf die Rückzahlung des Eintrittspreises zu verzichten, wie "Kulturnews" berichtet. Denn nur auf diesem Weg würden besonders die betroffenen kleinen Veranstalter:innen von drohenden Insolvenzen verschont bleiben.

FAZ Artikel:


Eventim-Chef im Gespräch :

„Die Branche befindet sich in einem dramatischen Überlebenskampf“

    Von Benjamin Fischer
    -Aktualisiert am 28.12.2021-17:55

Klaus-Peter Schulenberg kritisiert die Politik für die mangelnde Vorbereitung auf die vierte Welle und fordert mehr Hilfen. Für die nächsten Monate ist er wenig optimistisch.
Gerade sei es wieder bergauf gegangen, „doch dann kamen die rasant wachsenden Inzidenzen und die Nachrichten zu Omikron“, konstatiert CTS Eventim-Chef Klaus-Peter Schulenberg im Gespräch mit der F.A.Z.: „Zu Weihnachten 2020 lagen wir beim Kartenverkauf 95 Prozent unter dem Niveau von 2019, 2021 sind es ‚nur‘ 60 Prozent, was aber natürlich immer noch viel zu wenig ist.“
Eventim ist Europas größter Veranstaltungs- und Ticketingkonzern. Vor der Pandemie erwirtschaftete das M-Dax-Unternehmen einen Umsatz von 1,44 Milliarden Euro und verkaufte 250 Millionen Tickets über seine Kanäle – der allergrößte Teil für konzernfremde Veranstalter aus verschiedensten Bereichen. Vielleicht 6 Millionen seien für Konzerte aus dem eigenen Veranstalternetzwerk, hatte Schulenberg im Sommer erklärt. Zu diesem gehören allein in Deutschland prominente Namen wie FKP Scorpio, Semmel Concerts, die Peter Rieger Konzertagentur. Außerdem betreibt Eventim zum Beispiel die Waldbühne in Berlin und die Kölner Lanxess Arena. Erst Anfang Dezember übernahm der Konzern obendrein die Verkaufsplattformen Kölnticket und Bonnticket.
„Kultur muss Entschlusslosigkeit der Politik ausbaden“

Das Geschäft an sich lief freilich auch das Jahr über nur schleppend. Zwar ging es im dritten Quartal mit einem Umsatz von 114,7 Millionen Euro weiter bergauf – ein Plus von 279,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Doch mangels großer Festivals und Konzertreihen blieb das Vor-Pandemie-Niveau nach wie vor weit entfernt. Unter dem Strich stand im dritten Quartal ein Gewinn in Höhe von 4,5 Millionen Euro zu Buche, nachdem im zweiten Quartal die 102 Millionen Euro an November- und Dezemberhilfen maßgeblich für rund 48 Millionen Euro mehr verantwortlich waren. Mit dem neuerlichen Anstieg der Infektionszahlen und dem Aufkommen der Omikron-Variante wurden dann auch die wenigen hierzulande für den Winter 2021 geplanten Konzerte größtenteils wieder gestrichen.
Für Schulenberg liegen die Gründe für die neuerliche Zuspitzung der Lage zum Teil auch im Sommer: „Die Kultur muss die Entschlusslosigkeit der Politik während des Wahlkampfs ausbaden“, sagt er. Schließlich hätten zu dieser Zeit die Weichen gestellt werden müssen, damit es keine oder zumindest eine schwächere vierte Welle gibt. „Leidtragende ist wieder einmal massiv die Veranstaltungswirtschaft, für deren Weiterbestehen die Politik nach wie vor keine schlüssigen Lösungen bereithält. Denn die Branche befindet sich längst in einem dramatischen Überlebenskampf.“